Sonntag, 5. März 2017

Sonntagsbrunch mit dem Autor Mac P. Lorne


Da ich mich hauptsächlich Kontakt zu Kinder- und Jugendbuchautoren sowie Liebesromanautoren habe, gibt es bei meinem Sonntagsbrunch deutlich mehr weibliche Gäste. Umso mehr freue ich mich, zur Abwechslung heute auch mal wieder einen männlichen Gast vorstellen zu dürfen. (Sozusagen ein Quotenmann). Der Autor Mac P. Lorne hat sich besonders auf historische Stoffe verlegt, wobei es ihm speziell die englische Geschichte angetan hat. Auch das freut mich als Anglistin natürlich besonders und bin schon sehr gespannt, was er uns heute über sich und seine Arbeit verrät.

Auf der "Golden Hind"


Lieber Mac, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? 
 

Kaffee, allerdings nur morgens. Für Tee muss ich schon sehr schwer krank sein - und dann mit viel Rum.

(Rum finde ich jetzt sehr piratös - passt zum Foto).
Milch, Zucker, schwarz?  

Von beidem, aber wenig.

Herzhaft oder süß?  

Schinken, Käse, Eier bitte.

Warm oder kalt? 

Sowohl als auch.

1. Aufgewachsen bist du in der DDR und bist 1988 in die Bundesrepublik geflüchtet. Inwiefern hat dich dein Hintergrund und die Erfahrung der - ja nicht ungefährlichen - Flucht geprägt?

Ich war schon immer sehr freiheitsliebend und habe mich nur sehr ungern an vorgegebene Normen gehalten. Vielleicht schreibe ich deshalb so gerne über Männer und Frauen, die das auch nicht getan haben.
Wer in der DDR nicht systemkonform war, der hatte es nicht leicht. Zum Beispiel hätte ich gern Geschichte und Literatur studiert, aber das Geschichtsverständnis der SED und der sozialistische Realismus waren absolut nicht meins.
Zwei Jahre haben meine Frau und ich unsere Flucht vorbereitet. Mir hat – das ist kein Spaß – ein Enkel unseres letzten Kaisers geholfen, und sie und unsere vierjährige Tochter waren dann die ersten Zweitbesetzer der deutschen Botschaft in Prag. Nach 1 ½ Jahren waren wir endlich wieder vereint, und bei allen Gefahren und Trennungsschmerz – es war im Nachhinein die beste Entscheidung, die wir je getroffen haben.

2. Wie schon eingangs erwähnt, hat es dir insbesondere die englische Geschichte angetan. Was macht gerade die Geschichte der Insel für dich so faszinierend?

 
Wer hat in seiner Kindheit nicht vom freien Leben im Sherwood Forest oder einem Piratendasein auf den Ozeanen geträumt? Ich ganz sicher, und schon meine ersten Kurzgeschichten noch in der Schulzeit beschäftigten sich damit. So ein Abenteurer-Touch ist schon in mir drin. Deshalb hatte ich mir auch zuerst Fechten als Sport ausgesucht und später Reiten gelernt.
In der deutschen Geschichte vermisse ich ein bisschen die Gestalten, die sich erfolgreich über bestehenden Konventionen hinweg gesetzt haben. Und wenn, endeten sie meist tragisch – und das ist ein unschönes Ende für einen Roman.
Was ist ein Schinderhannes, ein Karl Stülpner – heute nahezu vergessen - gegen Robin Hood, dessen Legende lebt? Was ein Klaus Störtebeker, der auf dem Richtblock endete, gegen Francis Drake, den die Queen adelte? Ich mag halt Happy Ends
😁.

3. Deine Löwen-Reihe dreht sich um Robin Hood, in "Der Pirat" hast du dich in Gestalt von Sir Francis Drake ebenfalls mit einer fast mythischen historischen Gestalt auseinandergesetzt. Im Mai dieses Jahres erscheint nun mit "Der Herr der Bogenschützen" ein Roman, in dem du die historische Figur der Jeanne d'Arc entzauberst. Über diese historischen Gestalten ist schon viel geforscht und geschrieben worden. Wie gelingt es, trotzdem noch originell zu sein?

 
Bei meinen Lesungen stelle ich oft die Frage, womit denn jeder bekannte Robin-Hood-Film beginnt. Die Antwort lautet: Er kommt vom Kreuzzug zurück. Da muss er doch aber auch einmal hingegangen sein – und die Geschichte habe ich wohl als Erster aufgeschrieben. Bei den Recherchen bin ich auf einen illegitimen Sohn von Richard Löwenherz gestoßen – eine Steilvorlage für einen Autor und ein zweites Buch. Dann wollte der Verlag eine Trilogie. Da dachte ich, Robin Hood muss ja auch Eltern und Großeltern gehabt haben. So entstand ein Prequel, das jetzt aber als erster Band bei der Neuauflage erscheinen wird. In meinen Romanen wird der berühmte Geächtete von Eleonore von Aquitanien in die Gascogne verbannt, die damals zum angevinischen Reich gehörte. Ganz in der Nähe fanden dort zu seinen angeblichen Lebzeiten die Katharerkriege statt. Da können Robin und Marian natürlich nicht die Füße stillhalten – Band vier. Und jetzt wird es noch einen abschließenden fünften Roman geben, der ihn zurück nach England bringt und den Kreis schließt.
Zu Armadaschlacht gab es neue Erkenntnisse von maritimen Archäologen, die festgestellt haben, dass die englischen Schiffe und vor allem ihre Geschütze denen der Spanier um fünfzig bis hundert Jahre voraus waren! Wie es zu diesem kriegsentscheidenden Fortschritt kam, das wollte ich unbedingt erzählen.
Und bei den Recherchen zur „Löwenreihe“ stieß ich eher zufällig auf den Helden meines neuen, im August erscheinenden Romans. Obwohl er nach der Schlacht von Azincourt der am höchsten geehrte Teilnehmer war, hat man ihn über Jahrhunderte hinweg regelrecht totgeschwiegen. Das muss doch Ursachen gehabt haben – und bei so etwas fange ich immer an zu graben. Und dann habe ich mich gefragt: Wenn sich eine Heilige mit den übelsten Gestalten verbindet, die Frankreich wohl jemals hervorgebracht hat, dann wird sie zu ihren Lebzeiten wohl gar nicht so heilig gewesen sein. Und siehe da, mein Bild von ihr stimmte überraschenderweise mit dem von Dr. Olivier Bouzy, dem wohl kompetentesten Jeanne d’Arc-Kenner der Gegenwart und Kurator ihres Museums überein. Wir hatten in Orléans ein langes Gespräch, das mich sehr inspiriert hat.

4. Gerade das Mittelalter erscheint uns oft düster und brutal, weil wir an Folter, öffentliche Hinrichtungen und Inquisition denken. Auf deiner Autorenseite sagst du, dass Mittelalter und Renaissance gar nicht so dunkel waren, wie viele glauben. Was übersehen wir, wenn wir vom "finsteren Mittelalter" sprechen?

Nun, die Menschen aller Schichten haben auch damals gelacht und geweint, geliebt, gefeiert und sich des Lebens gefreut. Sicher, der Alltag war hart, vor allem für Unfreie, Bauern und kleine Handwerker.
Aber es stimmt einfach nicht, dass es keinen Weg nach oben gab, auch wenn die Kirche wollte, dass jeder an dem Platz blieb, an den Gott ihn angeblich gestellt hat.
Gerade in ihren Reihen passierte es immer wieder, dass Männer und auch Frauen zu hohen Positionen aufstiegen, die aus unteren Schichten kamen. So ist der Erzbischof von Canterbury in meinem neuen Roman – eine historisch belegte Figur – der Sohn eines Wollhändlers. Mercadier, Richard Löwenherz' Mann für’s Grobe, entstammte ärmlichen Verhältnissen und brachte es bis zum Stellvertreter des Königs. Ich könnte dafür noch zahlreiche Beispiele anführen.
Natürlich existierten keine Gewerkschaften, die für die Rechte der einfachen Menschen eintraten. Das musste man schon selbst in die Hand nehmen, so wie Robin Hood.
😁
Dann gab es in der Zeit, über die ich vorrangig schreibe, so etwas wie eine erste Emanzipationswelle. Frauen wie Kaiserin Matilda, Hildegard von Bingen oder die berühmte Eleonore von Aquitanien, von Elizabeth I. ganz zu schweigen, traten aus dem Schatten der Männer heraus, ja kämpften sogar gegen sie. Und das war keineswegs auf die oberen Schichten beschränkt.
In Lincoln herrschte um 1215 ein weiblicher Sheriff, und Frauen, deren Gatten jahrelang auf den Kreuzzügen waren und die daheim alles zusammenhielten, traten nur ungern wieder in das zweite Glied zurück, kamen die „Herren der Schöpfung“ dann irgendwann wieder nach Hause. Es gab damals durchaus viele starke Frauen in allen gesellschaftlichen Schichten. Ich mag sie, denn ich bin seit fünfunddreißig Jahren mit einer verheiratet, die sich garantiert auch im Mittelalter nicht von einem Mann hätte dominieren lassen.
Vielleicht sagt man später einmal über das zwanzigste Jahrhundert mit seinen furchtbaren Weltkriegen, dass es eine dunkle Zeit war.
Allerdings hat alles, was du über das Mittelalter sagst, stattgefunden. Unbenommen.

5. Könntest du dir auch vorstellen, den historischen Stoffen untreu zu werden und zum Beispiel einen Science Fiction-Roman oder eine moderne Liebesgeschichte zu schreiben? Mit welchem Genre würdest du am ehesten "fremdgehen"?

Och, da sage ich mir: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Im Mittelpunkt meiner Romane stehen immer große geschichtliche Ereignisse und herausragende Gestalten der jeweiligen Zeit. Und darüber zu erzählen, das fasziniert mich. Ob es der Investiturstreit zwischen Kaisern und Päpsten, die Kreuzzüge, die Entstehung der Magna Carta oder aber der Untergang der Armada ist. Nur wer die Geschichte kennt, versteht auch die Gegenwart. So sagen beispielsweise Historiker, dass die Pattsituation nach dem 3. Kreuzzug bis heute nachwirkt und eine der Ursachen der Spannungen in Palästina ist. Und da gibt es noch so viel zu erzählen, z.B. die Geschichte einer Auseinandersetzung in Aquitanien vor vielen hundert Jahren, die das Schicksal Europas maßgeblich beeinflusst hat. Wie du dir jetzt sicher denken wirst – mein nächstes Projekt.

Und wenn ich mal das Genre wechseln sollte, dann am ehesten wohl für einen Thriller. Aber das würde höchstwahrscheinlich eine Mischung aus Ian Fleming und Tom Clancy werden. Ob die Welt das braucht?

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Die Jahrhunderttrilogie von Ken Follet. Grandios! Wobei, mir kommt da gerade so eine Idee …

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

 
In andere Zeiten abtauchen. Etwas über Menschen erfahren, die schon lange von uns gegangen sind. Sich Gedanken machen über das „was wäre, wenn“.
Und natürlich die Recherchereisen. Ich fahre so gut wie immer und wo das möglich ist an die Orte des Geschehens. Ich bin in den Geheimgängen unter der Burg von Nottingham ebenso herumgekrochen, wie in denen der Assassinenfestung Masyaf, habe auf den Klippen vor Santo Domingo gestanden und konnte die Golden Hind vom Kielschwein bis zum Topp untersuchen, um nur einige Beispiele zu nennen. Für meinen neuen Roman bin ich mit meiner Frau 4000 km durch Frankreich gereist. Das brauche ich, um den Atem der Geschichte zu spüren. Prolog und Epilog von „Das Herz des Löwen“ sind in der Abteikirche von Fontevrault an den Gräbern von Eleonore, Henry, Richard und Isabella entstanden. Und ich bin bis heute der Meinung, sie haben mir die Geschichte diktiert.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Meine Ungeduld. Ich schreibe im Zweifinger-Suchsystem, und meine Gedanken sind meist viel schneller, als ich sie auf die Tastatur bringen kann.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Aber ständig! Wenn ich ein Projekt beginne, kenne ich meist nur den Anfang und das Ende nebst ein paar Geschichtszahlen. Dazwischen passieren die unglaublichsten Dinge, machen die Männer und Frauen, was sie wollen, und oft weiß ich am Anfang eines Satzes nicht, wie er endet. Das ist doch das Schöne am Schreiben. Die Charaktere entwickeln sich, Nebenfiguren werden zu tragenden Protagonisten, angedachte „Helden“ hingegen verblassen. Am deutlichsten geworden ist mir das in „Die Pranken des Löwen“ mit Robin Hoods Großvater. Der war am Ende ganz anders als anfänglich geplant – und ich liebe ihn dafür.

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Da habe ich zu unterscheiden gelernt. Für konstruktive Kritik bin ich dankbar, bösartige perlt mittlerweile an mir ab. Ich bin es aber auch aus dem Sport und meiner hauptberuflichen Tätigkeit – wir führen seit 22 Jahren einen Ferienhof als Familienbetrieb – gewohnt, ständig beurteilt zu werden. Würden wir hier keine permanent gute Leistung abliefern, könnten wir gegen die Konkurrenz sicher nicht bestehen.

Und ebenso verhält es sich beim Schreiben. Wenn ich den Leser nicht mehr mitnehmen kann, dann habe ich etwas falsch gemacht und muss den Kurs überdenken.
Im Betrieb haben wir so eine Richtzahl: 5% kritische Stimmen können wir uns leisten, denn allen Menschen recht getan …
Bei meinen Büchern sehe ich das ähnlich.

Lieber Mac vielen Dank, dass du dich meinen neugierigen Fragen gestellt hast. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und Freude beim Schreiben. Du schreibst so schön, Ideen hättest du für die nächsten 20 Jahre. Dann freuen wir uns doch darauf. 

Ich danke dir für das nette Gespräch.

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